Editorial

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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Dichtermacht

eine altmekkanische Geschichte

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Es war Nacht. Die Sterne funkelten hoch über der einsamen Wüste. Hin und wider wehte der Wind durch die Einöde. Große Käfer summten und surrten in der Luft - und eine lange Karawane zog über den heißen Sand still ihres Weges dahin. Gen Mekka pilgerten die braunen Wüstenkönige, die weit daherkamen vom fernen Damaskus. -'",
»Wir sind in Mekka, bevor der Morgen graut«, rief ein Kamelreiter einem Reiter zu, der in seinen gelben Gewändern hochaufgerichtet auf einem schwarzen Hengste saß und unablässig mit seinen glänzenden Augen gradaus in die dunkle Weite starrte. Nur der spitze schwarze Kinnbart und die feingebogene braune Nase hoben sich in scharfen Umrissen aus dem gelben Wolltuche heraus. Die rechte Hand hielt den im Steigbügel steckenden Speer. Es war der Dichter Ascha, der auf dem schwarzen Hengste saß. Sein Pferd fühlte jetzt einen leichten Sporendruck, und im langsamen Trabe ritt der Dichter an den Kamelen vorbei. An der Spitze der Karawane neben dem größten, mit Ware bepackten Lastkamele zügelte der Reiter sein Roß; er spähte weit vorgebeugt in die Ferne, in der aus der geheimnisvollen Finsternis unbestimmte Schatten aufstiegen. Die alte Stadt Mekka ward drüben in der Dunkelheit sichtbar.
Die Bürger Mekkas waren arm, sie ahnten noch nichts von dem späteren Ruhm und Reichtum ihrer Vaterstadt. Der Prophet lebte noch nicht. Und die Armut der altmekkanischen Bürger entlockte dem Dichter Ascha Seufzer um Seufzer.
Ascha wollte gen Okaz ziehen, um dort am Dichterwettkampf Teil zu nehmen. Jedoch die Goldstücke, die er von Freunden in Damaskus empfangen, waren schon sämtlich verschwunden; die weite Reise hatte mehr gekostet, als man geglaubt. Ascha gedachte der lustigen Stunden, die er auf den Märkten und in den Schänken verbracht. Glühende Frauenaugen leuchteten wieder in seiner Erinnerung auf; traurig begann er die vielen schönen und häßlichen Hände zu zählen, die seine Goldstücke fortgenommen und behalten. Des Dichters Augen hafteten lange bang am Boden. Außer Roß, Kleid und Lanze besaß der Arme nichts - nicht eine Silbermünze ließ sich in den weiten, faltenreichen Wollkleidern auffinden. Und die Armut der altmekkanischen Bürger entlockte dem Dichter abermals Seufzer um Seufzer.
Bei diesen traurigen Dichtergedanken erblaßten allmählich die Sterne. Der Himmel ward hell. Hinter Mekka ging die Sonne auf in demselben Augenblick, in dem die Karawane die Lagerplätze der Stadt erreichte. Die Prachtglut der Himmelsfarben schien den Ascha wieder belebt zu haben, denn er tummelte lustig seinen Renner auf den Wiesen umher, er schaute nach den bunten Kuppeln der alten Tempel, sein Blick glänzte wieder wie sonst, und bald ritt er unter -hohen Palmen lustig fort einem abseits gelegenen Hause zu, vor dessen Türe man große, rotgefärbte Wolldecken zum Trocknen aufgehängt hatte.
Ischak, ein armer Bürger, dem das kleine mit brauner Lehmerde gebaute Haus gehörte, wußte den stattlichen Reiter so zuvorkommend zu begrüßen, daß dieser seine Seufzer gänzlich vergaß. Als der Gast aber erst gesagt, daß er der Dichter Ascha sei, da konnte der alte Ischak seine Rührung nicht verbergen; Tränen traten in seine Augen, und glücklich ward die Schwelle gepriesen, die der arabische Dichter überschritt, als er die Wohnung des alten Mannes betrat. Der geleitete sodann den Ascha durch ein niedriges Zimmer zu dem Hofraume hinter dem Hause, den eine hohe Lehmmauer von allen Seiten umgrenzte.
Eine breite grüne Wolldecke hing in weich geschwungener Wellenlinie wie ein Zeltdach von dem oberen Gesimse des Hauses hernieder, wurde vorne von langen Latten emporgehoben und beschattete so die Estrade. Hier hieß Ischak seinen hohen Gast noch einmal herzlich willkommen und holte gleich eigenhändig eine große Schüssel mit kühlem Wasser, in dem Ascha seine Füße waschen konnte;
Ischak wollte währenddessen für das Pferd Sorge tragen.
Wie sich der Dichter frisch und erquickt auf dem alten, über die schwarzen Steinfliesen gebreiteten Teppiche niederließ, trat eine Jungfrau mit einer Kanne Dattelwein aus dem Hause heraus; sie begrüßte den Gast artig und bscheiden und stellte den Wein vor ihm nieder. Der Alte kam zurück und leistete dem Fremden Gesellschaft, ein zweites Mädchen brachte Brot herbei, ein drittes erschien mit einer Schale voll Früchten, ein viertes mit frischem Ziegenfleisch.
Während die beiden Männer das einfache Mahl verzehrten, wunderte sich Ascha über die große Zahl der im Hause seines Wirtes befindlichen Mädchen. Sein Erstaunen wuchs jedoch, als eine fünfte und sechste Jungfrau herbeieilte, um die Speisereste fortzutragen. Auf die Frage, wessen Töchter die Mädchen seien, sagte der Alte, die Mädchen seien seine eigenen Kinder. Der Dichter frug nun neugierig, ob er noch mehr Kinder besäße. »Acht Mädchen hat mir meine vor vielen Jahren verstorbene Frau hinterlassen«, erwiderte der greise Vater mit zitternder Stimme. Darauf plauderten sie lebhaft von Damaskus und Mekka, von Smyrna und Alexandria, von dem großen Markte zu Okaz und von den arabischen Dichtern, von Teppichen und Seidenstickereien. Ascha erfuhr hierbei, daß die acht Töchter seines Wirtes Seidenstickereien verfertigten und durch den Erlös derselben den Haushalt bestritten, da der alte Vater nicht mehr im Stande war, sich allein vom Ertrage seiner Wollfärberei zu ernähren.
Drei Tage nun lebte der berühmte Dichter im Hause des Wollfärbers. In den Abendstunden pflegte er durch die Straßen Mekkas zu reiten, um mit seinen Gedanken allein sein zu können. Aber Aschas Gedanken schwelgten nicht in Versen, nicht ließ er wie einst sein Träumen und Sinnen hinausschweifen zu den Geistern der Wüste, zu den schwarzen Dschinnen oder zu den himmlischen Sterngöttern; nur an seine Reise nach Okaz mahnte ihn alles, was er sah; jeder Kameltreiber schien ihm zuzurufen »Mit wessen Gelde willst Du Weiterreisen, großer Dichter?« Und Ischaks Armut ward dem Ascha beklagenswerter denn je. Sollte der Gast von dem alten Manne die letzten Ersparnisse fordern? - Ascha warf stolz den Kopf zurück, ließ ihn aber immer wieder sinken; er kam zu dem Schlusse, daß er in jedem Falle noch etlicher Goldstücke zur Weiterreise bedurfte. »Soll mich meine Armut verhindern, am Dichterwettstreit in Okaz Teil zu nehmen?« rief der arme Reiter heftig aus. Er riß das Pferd zurück, blieb stehen, nagte die Unterlippe und leistete sich selber den Schwur, vom alten Ischak das Gold zu erpressen, wie es auch kommen möge. Er murmelte leise vor sich hin: »Was würde ganz Arabien sagen, wenn Ascha vom Dichterwettkampf fernbleibt? Niemand weiß den Klagreiz der Sprache so zum ergreifenden Ausdruck, so zur Glanzwirkung zu bringen wie ich.« In die feinen Gesichtszüge begann ein verschmitztes Lächeln kleine Falten lustig hineinzuzaubern. Ascha trabte heiter ' Als sich der Reiter unter den Palmen der Wohnung des alten Färbers näherte, war die Sonne bereits untergegangen. Die roten Wolldecken leuchteten vor dem kleinen, von grünem Gestrüpp umhegten Lehmhause wie blutige Kriegermäntel, und schon strahlte der Abendstern vom dunkelblauen Himmel durch die Palmen zur Erde hernieder. Entschlossen schaute der Dichter umher, band die Zügel seines Pferdes neben der Tür an einen Holzpflock und ging durch das Haus in den Hofraum, wo er unter dem grünen Zeltdach sinnend stehenblieb; die Arme hielt er gekreuzt über der Brust. Mondenschein erhellte die grünumlaubten Lehmmauern, die Mohnblumen in der Mitte des Hofes, die Hecken und Obstbäume; zwei Palmen hinter der Mauer reckten sich dunkel vom Abendwinde gewiegt hinauf zum Sternenzelt.
»Herr, das Abendessen steht bereit.«
Der Dichter drehte sich erschrocken um. Selma, Ischaks älteste Tochter, stand da schüchtern vor ihm. Er reichte ihr die Hand und dankte, doch das Mädchen sprach wieder:
»Herr, Euch scheint ein großes Unglück widerfahren, Ihr seht schon lange so finster aus. Vergebt mir die neugierige Frage, doch meine Schwestern baten mich, zu erforschen, was Euch drückt. Der Vater ist fortgegangen, und wenn er zugegen ist, dürfen wir nicht wagen, Euch anzusprechen. Haben wir es an irgend etwas fehlen lassen? Wir sind so arm und vermögen Euch nicht mehr zu bieten. Ihr dürft uns deshalb nicht zürnen.« '
Ascha fühlte bei diesen Worten eine Beklemmung, er hatte nur überlegt, wie er wohl erfahren könnte, wieviel Goldstücke der alte Ischak noch besäße. Selma stand erwartungsvoll. Der Mond überglänzte den schlechtgepflegen Hof und den alten Teppich. Da kam dem Dichter ein Einfall, und er fragte tiefernst: »Liebe Selma, kommen häufig Freier in Euer Haus? Hat Dein Vater schon einen Eidam für Dich oder für eine Deiner Schwestern gefunden?« Da wurde das Mädchen traurig. Es schüttelte den mit pechschwarzen Haaren umrahmten Kopf so heftig, daß die Haarsträhnen über der Brust zusammenfielen, sie seufzte schmerzlich und erwiderte tonlos: »Wir sind zu arm, Herr, wir konnten niemals hoffen, daß ein Freier unser Haus beträte.« Ascha fragte nun schalkhaft lächelnd, ob denn die Mädchen gespart hätten, und Selam sagte darauf: »Zwanzig Goldstücke haben wir nur gespart, denn die Stickereien werden wohl gut bezahlt, aber die Arbeit ist sehr mühsam und langwierig, zudem ist die Seide, die uns von China zugesandt wird, hier so teuer, daß wir doch im Ganzen wenig erübrigen, selbst wenn wir noch so kärglich leben würden.«
»Zwanzig Goldstücke genügen allerdings nicht einmal, um einen einzigen Eidam zu befriedigen. Wäre die Stadt Mekka reicher, dann könntet ihr wohl eher Hoffnung haben -.« Bei diesen Worten des klugen Ascha begann Selma zu weinen, aber der Dichter lächelte, streichelte die Wange des jungen Mädchens und sagte mit prophetisch glänzenden Augen: »Dennoch werdet ihr alle einen Eidam finden, seid nicht betrübt! In Jahresfrist werdet ihr alle glückliche Ehefrauen sein, auch wenn ihr kein einziges Goldstück erspart hättet. Dieses, Selma, verkündet Dir Ascha, der Dichter, der mehr weiß und mehr vermag als Du ahnst.«
Da trocknete Selma ihre Tränen, sie reichte dem Dichter vertrauensvoll dankend die Hand und sprach gerührt:
»Dann will ich auch prophezeien. Ich weissage, daß Ihr im Dichterwettkampf den höchsten Preis erringen werdet, und Eure Verse werden, wie es Brauch ist, mit golddurchwirkten Fäden auf weißer Seide gestickt prunken. Und ich weiß auch, daß diese meine Finger das Glück haben werden, Eure Verse mit Goldfäden für alle Zeiten zu verewigen.«
Nachdem sie aber also mit erhobener Stimme geweissagt hatte, verstummte sie, und es war lange Zeit eine große Stille; nur der Mond lugte über die Lehmmauer, die Mohnblumen glühten im Halbdunkel, und die Palmen wiegten sich im Abendwinde. Und auf einmal fühlte Ascha Selmas Haupt an seiner Brust, und sie sprach ganz leise, gar nicht mehr prophetisch: »Kann nicht Ascha einer von den Bräutigamen sein?« Da fuhr aus Aschas tiefster Seele ein großer Seufzer, und er sprach ganz leise, ohne zu lächeln: »Ascha ist ein Dichter und also ein armer Mann, Deiner aber warten die reichen Söhne von Okaz.«
»Aber Ascha«, flüsterte Selma, indem sie sich innig an ihn schmiegt, »wird doch den Preis im Dichterwettkampf erringen und viele Goldstücke heimtragen.«
»Ja«, sprach Ascha, »das wird er. Aber er wird sie noch denselben Tag ausgegeben haben und wird ärmer sein denn zuvor. Denn wisse, daß Ascha ein Dichter ist und daß ein Dichter auch dann kein Geld hat, wenn er Geld hat, dafür aber große Bekümmernis, Trunkenheit, Liebesnöte und Schulden zuletzt.«
»O«, sprach Selma noch leiser, »das ist freilich etwas andres, das habe ich nicht gewußt. Dann muß Selma also doch des anderen Eidams warten.« Ihr Haupt aber lag noch immer an seiner Brust. Und Ascha beugte sich nieder und küßte sie viele Male, daß sie es nicht wehren konnte. Und sie weinte wieder und sagte: »Ascha, Ascha, warum kannst Du nicht doch der Bräutigam sein?« Da umschlang sein starker Arm sie fester, seine Küsse brannten wie Flammen. »Selma, Dein Bräutigam wird Dir Goldstücke geben, ich aber gebe Dir Küsse, für jedes Goldstück einen.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Nun ist Ascha Dein Bräutigam gewesen, aber jetzt ist es aus. Mehr hat Ascha nicht. Ziehe hin in Frieden.«
»Ja«, sagte sie leise. »Ziehe hin in Frieden. Die Himmlischen sind groß und werden das Los der Dichter bessern - wenn sie wollen.«
Und also schieden sie in Frieden, da um diese Stunde der alte Ischak heimkommen sollte. Eine Weile stand Ascha einsam und schaute in den Mond, mit großer Betrübnis. Da er aber Ischaks schlürfende Pantoffeln hörte, sprach er zu sich in seinem Herzen: »Ascha, ermanne Dich. Die Liebe ist sehr schön. Aber Deine Küsse waren keine Goldstücke. Und jetzt ist die große Frage, wie Du diesen guten Leuten die gesparten zwanzig Goldstücke entlocken kannst.«
Und eine halbe Stunde darauf saßen Ascha und der greise Ischak schweigend mit untergeschlagenen Beinen auf dem Teppich nebeneinander. Eine Zeit lang dauerte dieses Schweigen, dann aber, als die Kanne Dattelwein zur Hälfte geleert war und der Mond glänzend über die Mauer blickte, hub der Dichter mit leiser Stimme an: »Ischak hat acht Töchter, alle schön wie der Vollmond, wenn er über der Wüste steht, aber das Haus der Armen steht offen, ohne daß ein Eidam hineintritt.«
Da ward ein langer Seufzer in der Stille der Nacht vernehmbar, und das Haupt des greisen Ischak sank tiefer auf die Brust herab. Und abermals nach einer Weile begann der große Ascha von Neuem: »Die Himmlischen haben Ascha geoffenbart, daß dem Hause Ischaks acht Schwiegersöhne nahen werden, alle glänzend angetan und Besitzer unzähliger Kamele und Schafe. Und es wird geschehen in den Tagen, da der Dichter in Okaz weilt und die Gassen von Okaz widerhallen vom Klange seiner Lieder.«
Bei diesen Worten richtete der greise Ischak sein Haupt langsam empor, und ehrfurchtsvoll murmelte er: »Bei den Himmlischen ist kein Ding unmöglich.«
»Kein Ding unmöglich«, wiederholte der Ascha und wiegte sein Haupt hin und her. »Und doch«, fuhr er nach einer Weile wieder fort, »wurde das Herz des Dichters von schweren Zweifeln an der Macht der Götter bewegt. Wie, Ihr Himmlischen, fragte ich, soll ich denn nach Okaz kommen, da ich zu dieser Reise doch zwanzig Goldstücke benötige und auch nicht die kleinste Münze in den Falten meines Gewandes trage?«
»Und was haben die Himmlischen Dir darauf geantwortet«,, fragte der alte Ischak, und eine leise Erregung bebte durch seine Stimme.
Da war es, als ob auch die Augen des Dichters heller aufleuchteten, und auch seine Stimme zitterte leise vor Erregung: »Heute«, sagte er, mit dem Tone eines geweihten Sehers, »heute erwiderten mir die Himmlischen, bist Du arm, und heute noch, wirst Du reich sein. Aber«, setzte er dann nach einer Pause wehmütig hinzu, »das Heute neigt sich dem Ende zu, und noch sehe ich keinen Boten, der mir die Erfüllung dessen brächte, was die Dreimai-Heiligen mir geoffenbart haben.«
Bei diesen Worten hob sich der greise Ischak langsam empor, stand auf, und eine große Feierlichkeit lag über seinem ganzen Wesen. Und er legte beide Hände auf die Schultern Aschas und sagte: »Mein Sohn! Zweifle nie an der Macht der Himmlischen. Bei den Himmlischen ist kein Ding unmöglich, und siehe, ihr Bote ist gekommen.« Und langsam schlürfte er davon, ging zu seinen Töchtern und kam bald mit zwanzig dicken Goldstücken wieder, die er in feierlicher Weise dem Fremden übergab. Dieser dankte mit zitternder Hand und steckte hastig das Geld zu sich. Länger hielt es ihn nicht. Er stand auf und nahm Abschied.
Vor der Tür umarmten sich die beiden Männer noch einmal, und rasch bestieg der Dichter wieder seinen schwarzen Hengst, mit dem er stolz hochaufgerichtet in die mondhelle Nacht hinaussprengte. ; -
Der große Markt zu Okaz wurde von unzähligen Reisenden besucht; Perser und Armenier, Inder und Syrer trafen dort zusammen. Ungeheuere Warenballen lagen neben den ruhenden Kamelen. Die Teppichhändler priesen laut ihre neuen Muster an, und prunkende Seide glänzte neben dicken Wolldecken. Aus den großen, bunten Zelten drangen die fremden Laute der verschiedenen Sprachen heraus. Nackte Kinder spielten lärmend auf der grünen Wiese, Frauen trugen Wasserkrüge zu den silberklaren Quellen — laute Marktfreude belebte die ganze Stadt.
Ascha wandelte sehr unruhig mit breiten Pergamentrollen in der Hand in den abseits gelegenen Palmenhainen umher. Vergeblich versuchte er, sich die Gesichtszüge von Ischaks Töchtern im Geiste vorzustellen, auch ihr Wesen und ihre Eigenart schien ihm gar nicht mehr erinnerlich. Daß ihn aber so sein Gedächtnis im Stiche ließ, das kümmerte den Dichter wenig, den dazumal nur ein Gedanke bestrickend umfangen hielt. Er wollte prüfen, wie weit die Macht eines arabischen Dichters reichen könnte. »Der König von Byzanz soll uns Dichter um unsre Macht beneiden«, flüsterte er häufig vor sich hin in seinen spitzen schwarzen Bart.
Als nun endlich der Tag des Wettstreites herangekommen war und auch Ascha mit lauter hellklingender Stimme seine Verse vortrug, da horchten die Versammelten aufmerksam zu; gar lang herrschte andächtige Ruhe. Der große Ascha pries in acht herrlichen Gesängen die Tugenden der arabischen Frauen. Der Name »Selma« ward häufig wiederholt. Mekkas künftige Größe wurde zum Schlüsse von Ascha in hochtönenden Worten geweissagt, worüber die Versammelten sehr erstaunt waren. Die Verwunderung wuchs, als der Dichter in reizenden Versen mitteilte, daß die acht Mädchengestalten, welche die gepriesenen Tugenden verkörperten, leibhaftig auf Erden lebten. Ein brausender Beifall wurde dann aber entfesselt, als der Dichter auch behauptete, daß er den Wohnort der Schönen anzugeben wüßte. Kaum glaublich erschien es hierauf Allen, als sie hörten, die Mädchen lebten in dem bislang nur durch seine Armut bekannten Mekka im Hause des armen Wollfärbers Ischak. Wer indessen beschreibt den Jubel, als Ascha begeistert ausrief, daß derjenige, welcher nur eine einzige der acht Jungfrauen zu seinem Ehegemahl erheben dürfe, sich selig preisen könne bis an das Ende der Tage. Mehr jedoch sagte der kluge Dichter an dem Tage des Dichterwettkampfes nicht.
Alles aber hatten viele vornehme Jünglinge gehört, die alle sogleich in heißer Liebe entbrannten, noch in selbiger Nacht eine große Karawane ausrüsteten und ohne Verzug zum Aufbruch mahnten, damit Niemand früher gen Mekka pilgre denn sie.
Und der Dichter Ascha empfing den Dichterpreis. Den nach Mekka reisenden Jünglingen ward der ehrende Auftrag zu Teil, dafür zu sorgen, daß Aschas Verse von kundiger Hand in Mekka mit goldenen Fäden auf weiße Seide so rasch wie möglich gestickt würden. Andächtig verwahrten acht Jünglinge die acht Pergamentrollen in den Wollgewändern auf ihrer Brust. Im ganzen versammelten Volke fühlte sich ein Jeder hingerissen von der feurigen Glanzsprache des großen Dichters Ascha. Sein Name ging von Mund zu Mund, er ward von den Fortziehenden weitergetragen bis an die Ufer des Ganges, bis Byzanz und Alexandria.
Als Ascha nach einigen Monden wieder in Mekka vor Ischaks Türe sprengte, da schien ihm das Haus leer zu sein. Niemand öffnete. Er band wieder die Zügel seines Rosses an den Holzpflock, öffnete die schwere Holzpforte, schritt durch die armseligen Gemächer in den Hof, wo er Alles unverändert fand. Wieder schaute er unter dem grünen Zeltdach, während er die Arme über der Brust kreuzte, zu den Mohnblumen hinüber, auf die grünen Palmen, auf die braunen Lehmmauern - da hörte er hinter sich etwas raschein. Schon glaubte der Dichter, einer von den schwarzen Wüstengeistern sei ihm nachgeschlichen und raschle dort wie eine Maus, denn es blieb kurze Zeit wieder ganz still, bis eine ihm bekannte Frauenstimme hell und vernehmlich sprach: »Seid gegrüßt, edler Herr, von einem armen Weibe, das zu Euren Füßen ruhen möchte bis zur Todesstunde. Der Dichter Ascha hat jeder Tochter Ischaks einen Eidam prophezeit, und es sind acht Freier zu uns gekommen und haben um uns geworben, wie man um indische Königstöchter wirbt. Ich aber habe mich von diesem Orte nicht zu trennen vermocht, an dem Ihr, edler Herr, mir erschienen. Eure Verse sind von mir auf Seide gestickt, und mein Bräutigam hat mir beim Sticken freudig Hilfe geleistet. Unser Vater zog mit seiner jüngsten Tochter in die weite Ferne, darum muß Selma, Ischaks älteste Tochter, dem Dichter im Namen ihres Gatten den ehrfürchtigen Gruß entbieten. Ascha, wie sollen wir Euch danken? Euer Name wird niemals vergessen werden. Ihr habt gezeigt, wie groß und gewaltig immerdar war und bleiben wird — die Dichtermacht.«
Da lächelte der große gefeierte Mann, wandte sich um, ergriff die beiden Hände der weinenden Selma und küßte die Stirn der jungen Frau.
Als der vielgepriesene Dichter Ascha - reich an Schätzen mancher Art - wieder mit einer großen Karawane gen Damaskus zog - da wunderten sich die Kameltreiber, daß der stattliche Reiter auf dem schwarzen Hengst immer so listig lächelte und dazwischen wieder seufzte - unverständliche Worte in seinen spitzen Bart murmelnd. Eines Nachts aber, als es wieder sehr finster war, verstanden die Kameltreiber die unverständlichen Worte, sie klangen wie — »Dichtermacht«, »Dichtermacht«.   

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Rebellenmacht

Ein Chalifenidyll

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Auf staubigen Blumen sitzen müde Käfer. Glühend scheint die Sonne hinab in die Gärten der großen Chalifenburg. Träge liegen dicke Schildkröten auf den braunen Kieswegen. Ein schwarzer Sklave schleicht durchs Gebüsch. Immer wieder leuchtet zwischen Myrten und Lorbeern das gelbe Lendentuch des Sklaven hell auf.
In den Straßen Bagdads wird es stiller und stiller - denn die Sonne steht ganz hoch oben am Himmel. Es ist so heiß und so drückend schwül — wie in der Wüste.
Auf dem breiten Tigris gleiten chinesische Dschunken mit schmierigen Segeln langsam dahin — an der Chalifenburg vorbei - der kleinen Speicherinsel zu.
In der Chalifenburg schreien die Haremsfrauen, die Prinzen drücken sich verstohlen die Hände, die Sklaven flüstern mit scheuem Blick, nur die Hofleute lächeln — verschmitzt - überlegen - kalt. Und von Palast zu Palast eilen die Boten mit wichtigen Briefen. Die ganze Hofburg mit ihren bunten Gärten, mit ihren Hallen und Hainen, mit ihren unzähligen Schlössern und Villen — ist in große Bestürzung geraten - denn eine große Empörung ist ausgebrochen in den weiten muhamedanischen Landen. Man hat dem Chalifen Emin den Gehorsam gekündigt. Und die Aufständischen werden geführt von Mamun, dem Bruder des Chalifen. Schon nahen die Rebellen den Toren Bagdads. Niemand wagt dem Mamun zu widerstehen, die Söldnerscharen gesellen sich auch zu den Aufständischen — und Mamun kommt immer näher und näher, und mit ihm kommen zügellose Rotten, wilde, blutgierige Krieger sie nahen der Chalifenburg. Bagdads Bürger ziehen sich in ihre Häuser zurück. Um die Mittagszeit ist auf allen Straßen kein Mensch mehr zu sehen.
Aber im Fischpalast am Tigris, wo der Chalif Emin seit einem ganzen Jahr am liebsten zu weilen pflegt, da stehen die Sklaven an den Türen und starren gradaus, keiner von ihnen wagt, sich zu bewegen. Der Chalif hat befohlen, alle Sklaven sollen ganz still stehen. Um das Mauerwerk des kleinen Schlosses plätschern die Tigriswellen, die große Prachtbarke schaukelt. Auf einer Galerie, die sich dicht über dem Strome hinzieht, geht Emin langsam auf und ab, zuweilen bleibt er stehen, starrt ins Wasser, lehnt sich mit der Brust über das Holzgeländer und schlägt mit dem rechten Fuß nach hinten aus wie ein Pferd .
Die Prachtbarke schaukelt nicht fernab von der Galerie, deren Holzgeländer reich mit roten und blauen Farben bemalt ist. Der Chalif trägt einen grünseidenen Kaftan und einen weißen Turban, unter dem das dunkelbraune Gesicht mit kleinem Schnurrbart und blitzenden Pechaugen plötzlich unheimlich hervorschaut. Emin faltet die Hände - und seine Augen werden blöde.
Emin weiß heute wieder nicht, was er zuerst tun soll, gestern wollt' er auf den Tigris hinausfahren. In der Nacht fiel ihm aber ein, daß er einen Brief an einen indischen Teppichhändler zu schreiben habe. Des Morgens wachte der Chalif mit einem neuen Bauplan auf. Er wollte fürderhin in den Kronen der größeren Bäume wohnen, weil dort die Aussicht so gut ist. Wie er nun so an dem Holzgeländer lehnte, fielen ihm einige Regierungsgeschäfte ein. Auch überlegte er dabei, ob er nicht lieber einmal einen Krieg anfangen sollte. »Jawohl«, murmelte er, »als Chalif muß ich eigentlich auch Krieg führen, das hab' ich ja noch nie getan. Wenn ich nur nicht so viel zu tun hätte. Immerfort muß ich so viel tun. Ich komme bald zu gar nichts mehr, und ich vergesse so vieles. He, Sklaven!«
Zitternd und bebend nahten die beiden Sklaven, die an der nächsten Türe standen; Emin fragte: »Was habe ich vergessen?«
Der größere Sklave - ein Armenier mit hellem Gesicht und dunklem Bart - kreuzte die Hände langsam über der Brust, verbeugte sich bis zur Erde und sprach: »Angeln! Herr!«
»Richtig! richtig! richtig"« rief der Chalif, und majestätisch schritt er durch die Pforte in seinen Speisesaal, den grade sechs persische Jungfrauen festlich schmückten. Auf den Teppichen lagen Rosen und Nelken. Weihrauch brannte in goldenen Schalen. Und in der Mitte auf einem weißen, ovalgeschnittenen Ziegenfell stand ein Kalbsbraten — der duftete. Die Jungfrauen sanken auf die Knie, warfen Rosen hoch in die Luft und sangen ein arabisches Schlachtlied, das der Chalif immer zum Frühstück zu hören pflegte. Der Chalif setzte sich nun auf das Ziegenfell und aß — die Mädchen sangen und warfen Rosen in die Luft, die Weihrauchbecken qualmten, und Emin dachte plötzlich wieder nach; er dachte wieder an alle seine vielen Geschäfte, an den Krieg und an den indischen Teppichhändler. — Da kam aber der Armenier herbei und rief wieder: »Angeln! Herr!«
»Ach richtig«, sagte schmunzelnd hierauf der Beherrscher der muhamedanischen Welt, kaute hastiger, stach das Messer in den Kalbsbraten und sprang auf.
Die Mädchen sangen nicht mehr, auf einen Wink des Armeniers jagten sie jetzt wie die Windhunde davon, um die Angelruten zu holen. Von allen Seiten eilten Sklaven herbei, stürzten dem Allmächtigen zu Füßen und küßten den Teppich, den der Herr betreten wollte - jedoch kein einziger Sklave, kein Hofmann und kein Prinz wagten zu sagen, daß Rebellen der Chalifenburg nahten, daß Mamun, des Chalifen Bruder, schon ein paar Dutzend Siege über Emins Truppen davon getragen — nein, nein — Emiii horte nur zuweilen, daß an den Grenzen Krieg ausgebrochen, daß das aber nichts zu. bedeuten habe — das sei immer so gewesen, das sei überhaupt noch gar kein wirklicher Krieg — so ungefähr sprachen die Holleute, wenn sie einmal vor dem Herrn der Erde reden durften, was nicht oft vorkam.
Und Einin schritt stolz in seinen Teichsaal ~ da war der ganze Fußboden aus Alabaster, und in den Alabaster waren blaue Sterne von Lapis lazuli eingelegt. Vor den Fenstern des reich vergoldeten Saales war nur das erhellte Laub grüner Bäume zu sehen, die wie grüne Gardinen das Licht dämpften. In der Mitte des Saales befand sich ein großer Teich, der durch Röhren mit dem Tigrisstrome verbunden war. Hier angelle der große Chalif. Er saß in ganz, ganz weichen Kissen am Rande seines Teichbeckens mit dem Rücken gegen die Fenster und angelte. Wenn sich die grünen Blätter vor den Fenstern bewegten, dann bewegten sich auch die grünen Lichtflecken auf dem Alabasterboden. Die blauen Sterne von Lapis lazuli wirkten gar geheimnisvoll zwischen den grünen Lichtflecken.
Die Sklaven standen jetzt überall an den Türen wieder ganz still und starrten gradaus, denn der hohe Herr des Hauses angelte. Wundersam — heut biß nichts an. Doch Emin starrte in den Teich und ließ die Angelruten nicht fallen. Er hatte Krieg, Indien und Regierung vollkommen vergessen.
I» den Gärten der Chahfenburg schleicht ein schwarzer Sklave mit gelbem Lendentuch einen kleinen Hügel hinan. Er klatscht in die Hände, und siehe - da kommen Krieger aus dem Gebüsch, wilde Gestallen mit blitzenden Säbeln -wohl an die hundert Mann. Der schwarze Sklave zeigt auf den Fluß und erzählt hastig den Führern, was er im Schloß erfahren — hauptsächlich, daß dort alle still stehen und gradaus sehen müssen.
Mit ein paar Kähnen fahren die Krieger neben der Prachtbarke des Fischpalastes vorbei an die Galerie, auf der noch vor kurzem der Chalif nachdachte.
Die Sklaven fliehen, wie sie die Krieger sehen, und diese durchsuchen nun das ganze Schloß, essen den Kalbsbraten im Speisesaal auf und kommen an die Tür des Teichsaales.
Und da schreit der Chalif Emin hell auf, fängt an zu lachen, daß ihm die Tränen über die braunen Wangen rollen - denn er hat einen großen Aal gefangen, der Aal zappelt an der Leine, schlägt wuchtig mit dem Schwanz nach allen Seiten, und Emin freut sich darüber.
Die beiden Sklaven an der Tür flüchten in die Ecken des Gemachs. Die wilden Rebellen sehen sich erstaunt an, lachen auch wie Emin, dann aber zieht der Wildeste hurtig sein Schwert, holt kräftig aus und schlägt dem lachenden Chalifen den Kopf ab. Der Kopf fällt mitsamt dem Turban in den Angelteich - und die Angelrute fällt mit dem Aal auch ins Wasser. Der Aal zieht Leine und Rute mit sich in die Tiefe durch die Röhren hinaus in den breiten Tigrisstrom.
Prächtig glänzt in dem grünen Blätterscheine das rote Blut des toten Chalifen. Auch der Alabaster wird an dem Teichrande rot gefärbt, und ein blauer Stern von Lapis lazuli wird auch ganz rot. Die grünen Lichtflecken auf dem weißen Alabaster kommen neben dem roten Blute zu prächtigster Wirkung. Nur die beiden Sklaven in den Ecken des Gemachs achten nicht auf die seltene Farbenstimmung.
Das grüne Dämmerlicht zittert im Teichsaal - und es wird immer dunkler.

    von Paul Scheerbart


 

Der tote Palast

Ein Architektenroman

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Ich wußte, wo ich hin wollte.
Ich stieg daher unverdrossen die schlecht behauene Felstreppe höher — und war bald da.
Und ich stand vor dem markigen Palast, den ich mein ganzes Leben hindurch haben wollte.
Aber so deutlich wie damals hab' ich ihn nie gesehen. ————
Der Palast sitzt auf der Bergkuppe wie ein zackiger Stachelhelm.
Ich bin sehr erstaunt.
Aber — es ist so still.
Ich habe eine so furchtbare Einöde noch niemals empfunden.
Und die Rubinsäulen stechen mir ins Auge — und die weiten Säle der Sonnenglut brennen so stark.
Das also ist der markige Palast, den ich mein ganzes Leben hindurch haben wollte!
Es ist Alles so tot!
Und eine Stimme spricht zu mir: »Die Kunst, die Du erträumtest, ist immer tot. Die Paläste haben kein Leben. Bäume leben — Tiere leben — aber Paläste leben nicht.«
»Demnach«, versetz' ich, »will ich das Tote!«
»Jawohl!« hör' ich's rufen — aber ich weiß nicht, wer das sagt.
»Ich wollte die Ruhe — den Frieden!« schrei' ich wild in grausigem Ekel.
»Die Ruhe«, hör' ich nun, »wirst Du schon finden — sei doch nicht so gierig!«

   


 

Adlerflug

Eine gute Stunde

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
 
Endlich — hoch genug!
Keine Wolke mehr!
Aller Nebel ist unten — wo die Menschen herumkrab­beln.
Hier oben krabbeln sie nicht mehr.
Ich denke nicht mehr wie einst — auch mein Nest liegt tief unter mir. :
Ich schwebe wie ein echter Gott — ohne Flügelschlag —in weiten mächtigen Kreisen.
Und Niemand sieht's.
Erdrinde vergessen!
Überall — die Unendlichkeit!
Ich fühle das Ganze — das endlose Ganze — bin nicht mehr ein Stück Erde. Ich bin mehr — Alles!
Wenn ich's nur halten könnte!
Wenn ich nur so bliebe!
An der Brust keinen Druck mehr — keine Sehnsucht!
Nichts stört — kein Lüftchen bewegt sich um mich — nur ich bewege mich — ganz langsam — schwebe — schwebe —als All!
Ich sehe ferne Zeiten — dort hinten und da vorn.
Unzählige Welten rauschen ihr Glück mir zu.
Es gibt nur ein Glück, wenn man nicht mehr Stück ist.
Aber es hält nicht lange an.
Der Atem hält's nicht aus.
Sternheere, meine Sternheere — lacht durch mich — län­ger!
Lacht länger!
Aber ach — Wolken kommen.
Langsam geht's wieder hinab. Ich aber will's nie vergessen.
Einen Augenblick Allglück — und — und — Alles geht wieder.

   


 

Wir maken Allens dot!

Clownerie

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Hopp! Hopp! Hopp!
Da is er — zieht Cylinder — verbeugt sich und sagt ernst wie Staatsanwalt: »Dramatûschek!«
Der Andre lächelt, klopft sich auf dickes Bauch, nickt mit kahles Kopp und sagt schmunzelnd: »Serr erfreut, mein Lieber! Ick bin der Kapitälski.«
Händegeschüttel — Schmunzelei — zwei Stühle — Cylinder vergraben — Männer rauchen jleich Ziehgam — bald serr viel Dampf in Luft.
»Ick bin«, spricht Dramatüschek, »wie Sie woll wissen —ein Schenie!«
»Weeß ick längst!« erwidert Kapitälski.
»Ick will«, fährt Dramatüschek fort, »bauen jroßes Theater mit neistes Brimborium und allerscheenstes Humbug (speak: Hömmböck!). Wir maken Allens dot.Jiebst Du Kapital? Speak, Kapitälski!«
Jast legt rechtes Bein auf linkes Bein, raucht wie Schornstein und kickt jradaus wie Tatmensch.
Kapitälski steckt rechtes Hand in sei Rocktasch — zieht aber jleich wieder Hand raus.
Dramatüschek kriegt Courage, redet feste: »Mensch — jutes! denk an! Ick hab jroßes Jedank mit jroßes Mond — das schwebt auf Podium und quiekt: Au!«
»Jroßes Naar — kei Schenie!« murmelt Kapitälski. — Jast seiniges jleich serr hitzig.
Dramatüschek, das jroße Schenie, erhebt sich von Stuhl und hält wildes Red: »Du hast kei Ahnung, Kapitälski! Weißt Du, was ick will maken? Ick will maken jroßes Theater — serr jroßes und auch serr kleines. Da sollen Sterns vons Himmel auftreten als Aktörs, sollen sein tiefsinnik wie altes Sokrates — noch mehr tiefsinnik. Jroße Riesendams sollen ooch kommen in schlackerndes Feuer und buntes Pfaulicht. Tanzen sollen Panthers und Kamels, Oxen und Schenies. Janzes Welt soll werden gekrempelt um. Allens maken wir dot! Siehste, Kapitälski?« ' .
»Nix seh ick!« schreit der Herr mits Portmonee.
»O du stupides Eichkatz!« kreischt nu Dramatüschek, »hast Du kei Fantasie? Mal Dir aus ein jroßes Kunst mit Blitz und Donner — mit jroßes Krieg — mit herzzerdrücktes Jejammer und bombastisches Seligkeit. Wir maken Allens dot!«
»Kei Kunst!« replizieret Kapitälski, »dotmaken kann jedes Mörder. Achtes Kunst muß maken jutes Appetit —aber nich dickes Kopp.«
Dramatüschek flennt wie trauriges Mutter und sagt dazu: »Materialiste biste — kei Schenie! Aber jieb Kapital
— dann biste Ober—Schenie — Erz—Schenie — Gold—Schenie — General—Schenie! Jieb Kapital! Sei Freund!«
Jutes Mensch janz jerührt — umarmt Kapitälski — der steckt wieder Hand in Hosentasch — zieht raus blankes Ding — achtes deutsches Pfennig — jiebts an jutes jerührtes Mensch.
Uih!
Bumm! —
Dramatüschek springt hoch in die Höh, schreit wie Schwein bei Schlächter •— makt immerzu Salto—Mortals und packt altes dummes Kapitälski an Gurgel — dreht — dreht — dreht ab das Kopp. Wie Kopp in Dramatüscheks langes schmales Hand, steht Kapitälski ohne Blut und ohne Kopp janz ruhig auf — und — redet Bauch — — sagt dunkel: »Kapitälski kann leben ohne Kopp — braucht kein Kopp.«
Kopplos jeht das harte Mensch in sei Stall.
Dramatüschek heult wie Wolf, schmeißt Kapitälski—Kopp mang Publikums, daß alle Mädchen quietschen —und fällt steif wie trocknes Brett auf sei Nas'.
Publikus janz dumm.
Schenie Dramatüschek weint blutijes Trän — Sand wird naß und rot — immer merr naß — wird rotes Strom — und armes Kerl schwimmt fort — auch in sei Stall...
Armes Dramatüschek!
Armes Kerl!
Rotes Strom wird rotes Meer!
Armes Publikus!

   


 

   


 

Flausen

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!


»Laß mich gehen, trauriger Mond!« rief die schwarze Prinzessin, und sie schlug nach ihm mit ihrem Perlenfächer. Der Mond lächelte, rieb sich mit seinem linken kleinen Zeh den rechten Nasenflügel und umarmte die Prinzessin.
Der aber ward die Geschichte lästig, denn der Mond, ein dünnbeiniger Liebhaber, war das lächerlichste aller Weltgeschöpfe — wenn er nicht am Himmel stand und leuchtete. War er oben nicht zu sehen, so war er unten und machte lauter unnütze Flausen, und dabei lachte er immer so widerlich, obgleich ihm eigentlich sehr traurig zu sein pflegte. —
Der Mond blies auf seinem Waldhorn ein altes Lied und schlug dazu den Takt mit seinem dicken Kopfe, indem er mit diesem immer wieder gegen einen alten Baumstamm stieß — natürlich mit dem Hinterkopfe!
Der Prinzessin schien das zu dumm; sie rannte schleunigst davon.
Und der Mond lachte, riß sich die Beine mit den Armen aus, indem er diese wie Schlangen um die untern Gliedmaßen rumschlang, biß sich dann die Arme und den Rumpf ab — und schwebte lachend den nächsten Wolken zu.
Das Waldhorn blieb im Walde.

   


 

Die Türklinke

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!


»Franz, mach die: Laden zu!« sagte der alte Tischler Dömpke.
Und Franz ging hinaus und tat das.
Der Wind heulte durchs Dorf, in der Küche hustete die alte Marie, und die Laden gingen klappernd draußen zu.
Franz kam wieder in die warme Stube und'sagte: »Die Türklinke ist draußen kaputt.«
Der alte Tischler brummte was — Franz ging wieder fort und legte sich schlafen.
Die alte Marie tat das auch.
Und der alte Tischler saß nun wieder ganz allein in der warmen Stube — ganz allein.
Der Wind heulte durchs Dorf.
Der Tisch stand dicht am Ofen, und die Lampe auf dem Tisch brannte trübe.
Der Alte hatte in einem Reisebuch gelesen — von Afrika, wilden Tieren und vielen vielen Schwarzen, die immer grinsten und um ein großes Feuer herumsprangen. Dabei hatte er immer wieder an seine Knabenjahre denken müssen — als Knabe wollte er Missionar werden — es war aber anders gekommen.
Jetzt saß der alte Tischler träumend da, nahm die Brille ab und legte sie aufs Buch, dachte an lange vergangene Zeiten und an die Türklinke.
Da hörte er's draußen im Flur knarren — es flüsterte was — und dann ging die Stubentür auf.
Und herein trat ein Matrose mit einer Handharmonika unterm Arm. Der Matrose setzte sich dem alten Tischler gegenüber auf einen Schemel, steckte sich eine Kalkpfeife an und spielte ein bißchen auf der Handharmonika.
Als der Matrose zu spielen aufhörte, da ihm die Pfeife ausging, frug der Alte heiser: »Wer bist du?«
Der Matrose lächelte und sprach: »Das mußt Du doch wissen. Wir kannten uns doch ^ so vor "vierzig Jahren — nicht wahr?«
Und nun sahen sich die beiden lange an.
Und der alte Dömpke nickte — jeder Zug stimmte — so sah er — der alte Dömpke — vor vierzig Jahren aus.
Und ihm wurde so merkwürdig still zumute.
Er hatte immer gewünscht, sich noch einmal so zu sehen, wie er einst war, als er noch zu den Jungen gehörte. Matrose war er allerdings nie gewesen — aber so wie der da vor ihm — so sah er aus — mit der Kalkpfeife und der Handharmonika. i —
»Willst Du«, fragte der Alte, »etwas trinken?«
»Ich hab's bei mir!« erwiderte der Junge, und dabei zog er eine Flasche mit Rum aus der Tasche.
Sie tranken, und dann sprach der junge Matrose — mit stiller leiser Stimme: »Ich bin der Mensch, der Du einst warst, bin der junge Dömpke — frisch und lustig! Ich fürchte mich nicht vor dem— Tode, wie Du. Ich habe keine Angst; ich lache, rauche, trinke und spiele Handharmonika.«
Er spielte wieder lustige Lieder, doch die klangen dem Alten alle furchtbar traurig.
»Wo wohnst Du?« frug der Alte.
Der Junge aber lachte und meinte: »Was weiß ich, wo ich wohne! Ich lebe und frage nicht so viel wie —Du. Ich trinke.« —
Und er trank.
Und dann spielte er wieder.
Und bei dem Spiel wurde dem Alten so traurig, daß er
weinen mußte, und während er weinte, wurde ihm schwarz vor den Augen, daß er nichts mehr sehen konnte.
Die Musik klang ihm immer femer. Alles wurde schwarz.
Als am nächsten Morgen der Franz in die Stube trat — mit Licht, sah er den Alten noch immer auf dem Stuhle sitzen. Die kleine weiße Katze saß auf dem Tisch.
Die Lampe war ausgegangen.
Der Franz erschrak und rief die alte Marie.
Der alte Dömpke war tot.

   


 

Das Märchen vom blauen Hund

Eine ganz unergründliche Geschichte

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!


Der Ritter Knut Lemcke von Bullerstein hat endlich ausgeschlafen, hat gleich sein Panzerhemd angezogen, Stahlhaube auf den Brummschädel gestülpt und sein Schwert in die Hand genommen. Mit dem rechten Fuß stößt er die Tür zum Altan grimmig auf und saugt die frische Abendluft in langen Zügen schmunzelnd ein.
Da steht er nun auf seinem Altan. Die Sonne geht drüben überm Birkenwäldchen grade unter.
»Lange geschlafen!« sagt der Knappe und setzt den Morgenimbiß auf den Tisch — Eier, Schinken, Butter, Brot, sauren Aal und eine Kanne Moselwein.
Der Ritter ißt und trinkt und denkt an die wüste Nacht, die nun auch hinter ihm liegt.
Die Sonne geht unter — der Mond geht auf.
Der Knappe bringt ein gebratenes Huhn nebst rotem Wein und verschwindet wieder.—lautlos wie ein stiller Schatten.
Knut beugt sich über die Brüstung des Altans und schaut in die tiefen, bewaldeten Abgründe; er denkt an was, vergißt es aber gleich wieder. Die Spitzen der Tannen, Fichten, Buchen, Erlen und Eichen sind tief, tief unter Knut. Der Mond bescheint die welligen Waldberge und auch die stramme Burg.
Der Ritter beißt ins Huhn und läßt die Wälder das sein, was sie sind. Doch plötzlich hört er's bellen da unten.
»Wetter!« ruft er, »ist das nicht mein toter Hund? Der bellt doch grade so.«
Er erhebt sich und brüllt: »Hopsmajor!« — denn so hieß der Hund bei Lebzeiten.
Der Vollmond leuchtet unheimlich hell. Hopsmajor bellt — die Echos umhallen Knutens Ohr.
Der Hund kriecht langsam an der Burg empor; Knut hört's ganz deutlich. In den Hecken raschelt's, alte Ziegelsteine rollen ins Tal, und dazwischen bellt der dumme Köter.
Dem Ritter Lemcke von Bullerstein sträuben sich sämtliche Haare, er murmelt mit großen Augen: »O Karoline!«
Jetzt ist der Hund dicht unter der Brüstung, das Gebell wird schrecklich laut, Lemcke stößt vor Schreck auffahrend mit dem linken Ellenbogen die Kanne um, und der gute Rotwein übersprudelt die Fliesen des Altans.
»Knut! Knut!«
So hört der Ritter rufen unter der Brüstung, und »Hopsmajor!« stößt er heiser hervor. Und danach sieht der Herr von Bullerstein seines toten Hundes Antlitz über der Brüstung.
»Das Tier hat sich doch stark verändert«, denkt sein Herr, »denn es ist ganz blau, ganz blau — wie Blaubeeren.«
»Nu?« brüllt der Hund finster, »wunderst Du Dich denn gar nicht, mich heute abend im Mondenschein wiederzusehen?«
Hopsmajor, eine kräftige Dogge, legt die Vorderpfoten auf die Brüstung, der Ritter stottert: »Ich — ich wun —wundre mich nie!«
»Denn nich!« erwidert lächelnd die blaue Dogge. »Weißt Du auch, was ich jetzt vorstelle!«
»Nee!« versetzt der Lemcke, »nee!«
Zwei haarfeine Blitze umzucken den Mond — wie Eichenäste sehen sie aus.
Hospmajor zieht die Hinterbeine nach und geht auf der Brüstung des Altans langsam auf und ab. Der Ritter reicht dem Tier den Rest des Huhns, doch der Hund winkt mit der linken Vorderpfote ab.
»Aber!« ruft der gute Knut — Hand mit Huhn sinkt in den ritterlichen Schoß.
Des Hundes rechtes Hinterbein, das auch ganz blau ist wie der ganze Hund, wird dick — und dicker — und dann immer länger — riesig lang — bis in den Himmel reicht es bald hinein — bis an die Sterne. Die Krallen kratzen an den Sternen, und dann wird das Bein wieder so, wie's war.' »Nu?« fragt der Hund, »weißt Du nu, was ich vorstelle?« »Nee!« heißt es wieder. • Itzo wird der Kopf des Hopsmajor immer größer und dicker — so groß, daß der Ritter gar nicht mehr das ganze Tier sehen kann — bloß die große Riesenschnauze sieht er
— nichts als Schnauze!
Die Schnauze drückt den Herrn Ritter an die Wand, daß der »Au!« schreit. Und da wird der Hundskopf wieder, wie er war.
Der Hund fragt abermals: »Nu?« und abermals heißt es:
»Nee!«
Indes — alsdann wird der ganze Rumpf hinter den Vorderpfoten größer und dicker — so groß und dick, daß der Leib bald die sämtlichen Täler unterm Altan ausfüllt.
»Donnerwetter! So blau und so dick!«
Also Knut.
Der Hund fragt aber zum dritten Male: »Nu?« und zum dritten Male heißt es: »Nee!«
»Ich will's Dir sagen«, brüllt nun ärgerlich der blaue Hospmajor, dessen Kopf lächerlich klein aussieht dem riesigen Sackleibe gegenüber, »ich bin — das sag' ich Dir unter vier Augen — das Symbol des Vornehmen.
»Dacht' ich mir — scho — schon!« stottert der Knut, »wi
— willst Du — Du mir — wei — weiter nichts mit — mitteilen?«
Hopsmajor räuspert sich und bemerkt in distinguiertem Tonfall: »Ich werde mich ganz klar aussprechen.«
Den Mond umzucken wieder zwei haarfeine Blitze. Knut beißt noch mal ins Huhn, ärgert sich, daß er nichts zu trinken hat, freut sich, daß dem Hunde jetzt die sämtlichen Tannen, Eichen, Erlen, Buchen und Ahorns in den Bauch picken — der Hopsmajor aber beginnt so: »Mein lieber Freund Knut Lemcke von Bullerstein, Du bist sonst ein ganz famoser Kerl, dessen vornehme Lebensallüren mir schon während meiner gewöhnlichen Lebenszeit beträchtliche Genüsse verschafft haben. Du bist unter allen Umständen zu allen Zeiten ein wahrhaft vornehmer Mann, den man ohne weiteres seines Umganges würdigen darf. Nimm zunächst mal eine kleine Prise!«
Der blaue Hopsmajor nimmt fix eine Schnupftabaksdose aus seiner rechten Backentasche und reicht sie seinem früheren Hausherrn. Beide schnupfen und niesen, und der Blaue fährt fort: »Nur dann, wenn Du angetrunken bist — die Bauern sagen >sternhageldun< —, dann bist Du so, daß man Dich nicht für >vornehm< erklären kann. Mensch, merkst Du nicht, daß diese Angelegenheit höchst peinlich geworden ist? Du wirst im angesoffenen Zustande — und in diesem befindest Du Dich doch in jedweder Gesellschaft — teils zu grob und teils zu liebenswürdig. Du behältst nicht die Balance. Du drückst die größten Peter der Menschheit, die selbstverständlich >Peter< niemals heißen, in ungebän—digter Rührung an Dein edles Ritterherz und merkst gar nicht, daß diesen Petern Deine Rührung höchst lächerlich vorkommt, da sie von der ewigen Sehnsucht der Besoffenheit nicht die blasseste Ahnung haben. Andrerseits aber geht's wieder folgendermaßen: Merkst Du, daß Du Dich mit Deiner seelischen Entblößung lächerlich machst, so haust Du dem nächsten Besten — und das sind immer noch die Leidlichsten — ohne Scham und Mitleid ins lachende Antlitz. Und aus solchen Wutausbrüchen entstehen dann ganz alberne Mopsgeschichten, da Du nachher von nichts
mehr die blasseste Ahnung hast und oftmals in sehr wenig vornehmer Weise grade diejenigen um Entschuldigung bittest, die Du hättest verhauen sollen. Mensch, höre: Sterne verkratzen, mit der Schnauze alles bedrängen und sich recht breit machen — darin allein steckt das wahrhaft vornehme Wesen;. — das zügellose Temperament sollen andre nicht sehen!!!
Sauf drum hinfüro ganz allein, Mein lieber Lemcke von Bullerstein'.«
Und es gibt einen fürchterlichen Knall, Knut springt in die Höhe — und sieht die Täler mit blauen Mondnebeln bedeckt.
In der Hand hält der Ritter noch immer das Stück Huhn, und der Altan schwimmt — alles Rotwein!
»Stimmt!«'sagt Knut Lemcke von Bullerstein.
»Gäste!« sagt devot der Knappe, der etwas verschlafen aussieht.
»Achherrjeh!« schreit dazu der arme Knut, »o Karo—line!«
Der Knappe eilt davon, der Herr Ritter folgt ihm, denn die Gäste warten — er murmelt in seinen krausen Bart:
»Sauf drum hinfüro ganz allein, Mein lieber Lemcke von Bullerstein!«
Wie der große Knut die Treppen runterstolpert — zum Ahnensaal — murmelt er noch: »Na — nächstens!«

   


 

Freunde

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Sie winken und grüßen und lachen mich so lustig an, daß ich ganz heiter werde.
Sie reichen mir auch die Hände und bewegen so zierlich die weißen Finger. ,
. Ich würde wohl mit denen da drüben gut auskommen —doch sie sind ja so fern — sie stecken alle in den Wolken —und die Wolken sind hoch.
Wenn's doch regnen möchte! Dann müssen sie ja runterkommen!
Es regnet aber nicht.

    Bilder von Paul Scheerbart


 

Zu Hause

 

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
»Wächter! Wächter!«
»Kabinetsrat! Weltrat! Alter edler Konnofolski!«
— Also schrien meine beiden Leiblakaien.
Ich aber brüllte mit meiner unheimlichen Roststimme:
»Konnofolski! Wird's bald? Mach mal das Tor auf, denn Ich bin da! Hurrah! Erkennst Du Mich nicht mehr? Ich sitze auf Meinem hellgrünen Nashorn und begrüße Dich, Du Faulpelz! Guten Morgen, Konnofolski! Mach beide Torflügel auf — beide! Bewundere Meine weißen Sammet—kleider und rufe begeistert: Ah! Ah! Ah!«
Und mit meinen beiden Leiblakaien, die zu meinen beiden Seiten auf kleinen zahmen Eisbären ritten und dabei in blutroter Seide staken, ritt ich nun durch das dunkle Tor; es hallte an den Wänden.
Und dann kam Ich auf die dunkelblaue Wiese — im gestreckten Galopp — hoch zu Nashorn!
Hei! Das war ein Empfang!
Meine hellblauen Löwen reichten Mir prustend die dikken Pfoten. Die vielen Riesen — ebenfalls sämtlich Mein Eigentum! — brüllten einen Riesen—Choral. Die weißen Adler umkreisten mein gedankenvolles Haupt und quiekten fortwährend lustig: »Viktoria! Viktoria! Viktoria!«
Meine guten Freunde sprangen meinem grünen Nashorn übers grüne Nashorn und jodelten vor Vergnügen —es hörte sich einfach scheußlich an — öh — abscheulich!
Und Alles — Alles lachte — und sah so doll aus, daß Ich
— noiens volens! — mitlachen mußte.
Wir machen uns eben immer überall über Alles lustig — sehr lustig.
Die abenteuerlichsten Fabeltiere und Fabelgötter umringten Mich und beteten mich an — Mich — Ihren lächerlichen tranköpfigen Herrn und Meister.
Und sie gratulierten Mir — denn ich war so glücklich — ich war ja endlich mal wirklich von den Menschen und von der Erde erlöst — diesen unglücklichsten Weltspäßen, die in jenem Sternenmeer entstanden, das der Vater Knulleke regiert und sein Eigen nennt.
Heil dem großen Knulleke!
Er hat mir auch Mein Heim geschaffen — und geschenkt. Und das ist mehr wert als die Menschenerde. Ich besitze hier alles Mögliche und Unmögliche — Wiesen, Burgen und Paläste — Gebirge, Meere und Pappelwälder —Cigarren, Rebhühner, Riesen, Götter, Könige, Billionen Wundertiere und noch viel viel mehr. Und bei mir zu Hause geht's überall höchst lustig zu — da gibt's keine sentimentalen Weltverächter, die stets Ach und Oh schreien.
So was gibt's doch bei mir nicht.
Ach! Oh! Ihr gemütvollen Dusselköppe des Erdballs —beißt Euch die großen Zehen ab!
»Beißt zu! Es lebe Knulleke!«
Also schrie ich — und alle Götter, Tiere und Spaßonkels brüllten mir nach: »Es lebe Knulleke!«
Mir ist die ganze Welt einfach Wurscht — wenn ich zu Hause bin — bei Mir zu Hause!
Zu Hause ist es doch immer am besten — besonders wenn man nach langen Irrfahrten wieder mal heimkehrt.
Jetzt bleib ich aber vorläufig hier. Ich hab's ja nicht mehr nötig, rumzubummeln.
»Konnofolski, bring Mein hellgrünes Nashorn endgültig in den Stall!«
So sprach ich befehlend und stieg die Emailstufen meiner blitzenden Spottburg hinan.
Alles klirrte und klapperte.
»Knulleke! Hurrah!« ;
Der gute Knulleke, der mir dieses drollige Heimatland geschenkt hat, soll hoch leben — denn Ich lebe jetzt auch wieder hoch — höher — und am höchsten — alle Tage und alle Nächte — bei Regen und bei Sonnenschein!
Raset, Riesen!
Raset, Riesen!
Vorhang!

 

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Letzte Aktualisierung 05.05.09
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