Editorial

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Paul Scheerbart Paul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Gedichte


Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?
Das willst du wissen?
Leg dich nur ruhig
Auf dein Ruhekissen;
Es wird zum Luftballon.
Mit dem gehst du davon.
Und deine Locken —
Die werden klingen;
Du sollst mit ihnen,
Da sie rot sind,
Die gelben Sterne umschlingen!
Ach ja, dein verfluchter,
Alter, dammlicher Luftballon
Wird dich weit bringen.

*

Durch die alte Türe,
Die so herrisch knarrt,
Kommt der Ofenmann
Mit vielen schwarzen Bechern,
Die so traurig sind wie schwarze Briefe.
Na — was will denn der Ofenmann?
Will er den alten Zechern
Die letzten Tropfen schenken?
Der Ofenmann hat kurze Beinchen;
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf —
Der geht natürlich ganz entzwei,
Denn der Ofen ist ja warm.
Und die schwarzen Becher fallen
Diesem alten Ofenmann
Aus den schwarzen alten Händen
Auf die stillen weißen Dielen.
Und der Wein macht die Dielen naß.
Das macht den Zechern Spaß.
Die Beinchen des Ofenmanns
Brechen entzwei.
Und der schwarze Ofen
Steht an der Wand — wie einst.

(Katerpoesie)

 

 

Abschiedslied

Fahr wohl, du alte Schraube!
Mir warst du sehr egal.
Mir schmeckt die Lebenstraube,
Und dir ist alles Qual!
Tu immer, was du wolltest;
Ich stör' dich nicht dabei.
Ich weiß nicht, was du solltest;
Ich laß dich gerne frei.
Und wenn du wieder grolltest,
So wär's mir einerlei.
Schrei nur, mein Liebchen, schrei!

(Katerpoesie)

 

 

Ach Ja!

Ach ja! Jetzt weiß ich's ganz genau!
Von Max und Moritz kam ich her!
Die lagen in einem Syrupmeer
Und waren blöde wie der große Stier.
Es kam ein Strahl durch das Revier
Und hüpfte mit uns Dreien.
Das sollte uns bald entzweien.
Nach jenem Trubel durft ich endlich
So selig ruhen auf dem Zuckersterne,
Der mir aus allen seinen Kratern
Ein glückliches Vergessen dampfte.

(Katerpoesie)

 

 

Alter Spass

Ja — meine Sonnenkälber
Sind mit Öl begossen,
Sind naß wie Badelaken
Und erweichte Schrippen.
Ich weiß mit diesen feuchten
Märchenweltschleimtieren
Nichts anzufangen — nichts.
Solche alten Späße
Sind doch eigentlich abscheulich.

(Katerpoesie)

 

 

Aufschrei!

O du goldener Willensschaum,
Spritz hinauf in die kühlste Luft!
O du goldener Willensschaum,
Braus hinab in die kühlste Gruft!
Umtose mit Korybantengeschrei
Des Lebens langweilige Litanei!

(1897)

 

 

Bläuliche Flammen

In dieser Nacht sah ich ein Kind,
Das lachte mich an.
Es hat das Lachen in dieser Nacht
Mir wohlgethan.
Über die Haide wogten
Große bläuliche Flammen.
Die haben den Himmel ganz hell gemacht,
Dazu hat das Kind noch viel mehr gelacht.
Wir lachten beide zusammen
Über die bläulichen Flammen.

(1897)

 

 

Dahin!

Singe nicht so hell und laut,
Da ich wieder einsam bin!
Ach, fühlst Du nicht, worüber
Ich trüber werde?

Lache nicht so toll und dumm,
Da ich ernst und anders bin!
Nein, weißt Du nicht, worüber
Ich trüber werde?

Frage nicht so klug und hart!
Das hat Alles keinen Sinn!
Was? Ahnst Du nicht, worüber
Ich trüber werde?

Sieh' ich liebe Dich nicht mehr,
All meine Lieben ist dahin!
Begreifst Du jetzt, worüber
Ich trüber werde?

(1897)

 

 

Das Gute Schaf

Ein erschöpfendes Gedicht

Du bist mein Schaf;
Ich bin dir niemals böse.
Und er ist baff;
Er schaut ins Weltgekröse.

Du bist mein Schaf,
Erlöse ihn, erlöse
Auch mich von dem Getöse
Der auferstandnen Jugendzeit;
Sie steht vor mir im Leichenkleid.

(Katerpoesie)

 

 

Das Flammenschwert
Ein Riesengedicht.

Ich stand in Gedanken
Auf dem großen Weltmeer.
Die Sohlen meiner Riesenfüße
Wurden fein gekitzelt
Von schäumenden Wogen.
Ich sah in die Tiefe.
Da zerspritzten wilde Wellenberge
An meinem großen Zeh.
Wie das ich sah, da dacht' ich so:
"Wellenberge, zerspritzt nur immer,
Wenn ihr nichts Bessres zu thun vermögt,
Auch an meinem großen Zeh!
Es tut ja nicht weh!"
Und siehe! da kommt der Erzengel
Lächelnd aus dem Himmel heraus
Herunter zu mir.
In der Rechten hält er
Ein ächtes wackelndes Flammenschwert.
Ich sehe den Engel
Mit lachenden Mienen,
Mit zusammengekniffenen Augen
Wie ein Verliebter an.
Aber nun spricht der gleich:
"Siehst du, hier hast Du ein Schwert!
Bekämpfe mit ihm, die dich bekämpfen!
Streite mit Muth wie ein Held!"
Ich bin starr -
Rufe sofort:
"Erzengel, bist du ein Ochs?"
Und ich wende mich stolz gleich ab,
Gehe glitschend auf den Wellen
Ganz nach hinten in eine Ecke -
Wo die schäumenden Meereswogen
An großen Felsen zerschellen.
Dort denke ich nach:
Ich will mich besinnen,
Ob Riesen jemals Kämpfer waren
... ...
Ich besinne mich nicht. -
"Wirkliche" Riesen kämpfen nicht!
Denn gegen wen sollten -
Riesen wohl kämpfen?
Und dann noch eins:
"Wer kann wohl kämpfen,
Wenn er nicht hassen kann?"
Ich stand in Gedanken
Auf dem großen Weltmeer,
Sann nach über die Bedeutung
Jenes ächten wackelnden Flammenschwertes ...
"Erzengel bist du ein Ochs? "

(1897)

 

 

Das Königslied

Ich bin der lachende König der Welt. Was willst
du essen? Was willst du trinken? Ich kann dir Alles geben, Alles.
Glaubst du, ich sei arm? Dummes, kleines Kind!
Siehst du da drüben überm Meere die unzähligen Sterne?
Weißt Du, wem sie gehören? Mir gehören die Sterne.
Denn ich bin so selig, daß niemand seliger sein kann.
Und
wer etwas selig anschaut, der besitzt das, was er anschaut. Siehst du, jetzt weißt du, was Eigentum ist.
Willst du nun die Königin der Welt sein? Neben mir auf meinem großen Throne? Willst du?
Sei selig: und du bist Königin!
Komm und sitze an meiner Seite! Wir sind ein lachendes Herrscherpaar.
Was willst du essen? Bah, sei selig: und du brauchst nicht zu essen.
Sei selig: und du brauchst auch nicht mehr trinken.
Dein Auge sei dein Reichsapfel, dein trunken empor sich reckender Arm dein Scepter: so jetzt herrschen wir über die Welt.
Hei, tanze mit mir! Drüben durchs Gebüsch rennen unsre Diener;
die sind gehorsam; siehst du sie?
Nein?
So schließe dein Auge! Dann kannst Du Alles sehen, Alles haben,
Alles.
Doch du lachst noch nicht so, wie's Königinnen ziemt.
Lach' so wie ich!
Sonnen, Sterne tanzen mit dir.
O komm: rase mit mir!
Nein, nicht toll! Tanze, tanze mit mir ...

(1895)

 

 

Delirium! Delirium!

Ein Dékadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde „wirklich“ noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.

(Katerpoesie)

 

 

Der einbeinige Trinker

Geh nicht fort, hehrer Held!
Laß die Welt, laß die Welt!
Trinken könntest Du auch hier;
O, trinke mit mir!

Geh nicht fort, hehrer Held!
Hast Du Zeit, Hab und Gut,
Dann verbringst Du das auch hier;
Verbrings doch mit mir!

Morgen lacht, wer die Nacht
Nicht zum Schlaf, nicht zum Schlaf
Wie ein Murmeltier mißbraucht;
Die Reue verraucht!

Aber rennst Du mir weg,
Wird mein Bein, dieses Bein,
In die Schänke gehn allein;
Ich liebe den Wein!

(1904)

 

 

Der Frack-Komet

Ich lebte vor langer langer Zeit
In einem Raume,
Der ganz voll Licht war;
Es leuchteten wohl sämtliche Atome.
Und da kam plötzlich
Eine schwarze Sonne an,
Die schwarze Strahlen
Durch das Lichtreich sandte.
Die schwarzen Strahlen waren kühl
Und kühlten auch meinen heißen Leib,
Der selbstverständlich nicht
Aus dicken Stoffen sich zusammensetzte.
Nun brach sich jenes schwarze Licht,
Das ganz besondre Qualitäten zeigte,
In meinem heißen Leibe so,
Daß ich einen —
Schwarzen Schweif bekam;
Und spalten tat sich dieser Schweif
Und sah beinah so aus
Wie jene langen Streifen,
Die sich an Menschenfräcken
Unter den Händen
Fleißiger Schneider bilden.
Ich ward in jener alten alten Zeit
Ein Frack-Komet.
Ob sich für unsre Erde
Noch mal Kometen
Sichtbar machen könnten —
In Frackform?

(Katerpoesie)

 

 

Der lachende Engel

Wie war's doch nur?
Im Himmel schwebten
Große blanke Diskusscheiben —
Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.
Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.
Ein Engel lacht dazu
Und spritzt mit Vitriol.
Jawohl! Jawohl

(Katerpoesie)

 

 

Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. —
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär's nicht möglich, daß uns drüben
„Längre“ Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

(Katerpoesie)

 


Die andere Welt

Eine Phantastensure

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über schwarzen Wiesentriften
Fliegen große Purpurengel;
Ihre Scharlachlocken leuchten
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über weißen Bernsteinkuppeln
Flattern blaue Turteltauben;
Ihre Saphirflügel flimmern
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie liegen bis sie fault!
Über goldnen Schaumgewässern
Spielen zahme Silberfische,
Ihre langen Flossen zittern
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Haß die Erde! Haß die Erde!

1893

 

Die Galle

Mit Euch an einem Tisch zu sitzen,
Macht mir den größten Höllenspaß.
Ich träume schon von Euren Witzen,
Wohl dem, der mit Euch Austern aß.
Denn was Ihr trinkt
Ist pure Galle.
Und was Ihr eßt
Ein alter Quark.

Recht grob möchte ich Euch Allen sagen,
Daß Ihr mir nie mehr könnt behagen.
Ihr seid das Luderpack der Welt
Und habt mir manchen Tag vergällt!

 

Die grossen Flammen

So nehm' ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind — irgendwo
Lichterloh . . .

(Katerpoesie)

 

 

Die grosse Sensucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken —
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

(Katerpoesie)

 

 

Die Welt ist laut...

Die Welt ist laut,
Und ich bin still!
Erloschen sind die Flammen.

Ich kann nicht mehr,
So wie ich will!
Den Rausch muß ich verdammen.

Die Welt ist laut,
Ich möcht so viel!
Doch bring ich's nicht zusammen.

(Katerpoesie)

 

 

Die Wiese der Lust
Ein Freundschaftslied.

Über die weite Wiese der Lust
Wandelt zaghaft mein bester Freund.
Was ich Gutes von Ihm gewußt,
Vergaß ich, als ich ihn da sah.

Über der weiten Wiese der Lust
Schwebt ein häßliches Ungethüm.
Was ich greifbar an dem erkannt,
Verschwamm mir, als ich ihn da sah.

Auf jene weite Wiese der Lust
Lauf' ich plötzlich dem Freunde nach.
Was Er Gutes von Mir gewußt,
Vergaß Er, als Er Mich da sah.

Auf jener weiten Wiese der Lust
Läuft ein Freund mit dem Andern fort.
Wer die Freundschaft in uns erkannt,
Bestritt, daß er den Kern da sah.

(1897)

 

 

Die alte Laube

Ich habe so viel vergessen.
Ich weiß nicht mehr
Woher ich komme.
Ich saß in einer Laube
Von großen grünen Smaragden;
Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.
Mehr aber weiß ich nicht.
Es war ganz hinten im Raume
Und fast wie in dem Traume,
Der uns der allerliebste ist.

(Katerpoesie)

 

 

Die andre Welt
Ein Phantastenpsalm

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über schwarzen Wiesentriften
Schweben große Purpurengel;
Ihre Purpurlieder brennen
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über weißen Schneepalästen
Kreisen blaue Turteltauben;
Ihre Saphirflügel leuchten
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie liegen bis sie fault!
Über goldnen Meereswogen
Fliegen silbewrblanke fische;
Deren Strahlenglanzflossen blitzen
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Haß die Erde! Haß die Erde!

(1893)

 

 

Die Zappelpappeljöhre

Mal ist mir alles astral
Und mal so ganz egal.
Ich kenne den längsten Strahl
Und auch das Jammertal,
Wo ich beinah nicht hingehöre.
O du Zappelpappeljöhre!

(Katerpoesie)

 

 

Dinir mit Teufelsübermuth

Dinir' mit Teufelsübermuth;
Es steckt ein Prinz in jedem Butt.
Das Menschenfleisch ist endlich da
Und schmeckt so wie Ambrosia.
Ha! Ha! Ha!

9.5.1901 an Richard Dehmel

 

 

Donnerkarl der Schreckliche

Ein Heldengedicht


Reich mir meine Platzpatronen,
denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen,
alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich
heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! das wilde Morden preis' ich,
denn das ist der letzte Trumpf!
Welt, verschrumpf!

 

 

Dunkle Nacht in Europa

Das ist doch sehr wunderbar,
daß die Nacht so dunkel ist.
Alle Sterne schliefen ein -
Auch der schöne Mondenschein.
Und ich finde nicht nach Haus,
Tappe, taste so mich weiter,
Stolpre, falle, liege, denke -
Doch die Nacht bleibt dunkel -
All das viele Glanzgefunkel
Ist total verschwunden.
Das ist doch sehr wunderbar,
Daß die Nacht so dunkel ist.
Warum ist sie dunkel?
O du Rätsel der Nacht.

(1897)

 

 

Eine Lichthetäre

Wie ein Lichtstrahl war ich einst,
Zuckte hin und her
Durch die Weltenpracht
In dem Äthermeere.
Quintillionen Wettersterne
Hab' ich prickelnd angeblickt.
Oh, ich war geschickt —
Eine Lichthetäre.

(Katerpoesie)

 

 

Ein Säufertraum

Ich war im Traume betrunken
Und sah ein altes Kamel,
Das war zu Boden gesunken —
Es lachte — bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie
Neben dem lachenden Vieh.
Der Himmel lachte über mir,
Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;
Ich ließ es trinken fast für Drei.
Dies war meine schönste Zecherei;
Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke — bei meiner ewigen Seele! —
Nur noch mit einem alten Kamele.
Mit Menschen trinken ist der größte Kohl —
Kamele nur verstehn den Alkohol.

(Katerpoesie)

 

 

Erdianerlied

Fliegt man stückweis' in die Luft,
Wird man gleich zu Leichenduft;
Man verpufft in einem Nu,
Macht nicht mal die Augen zu.

(1912)

 

 

Ermitage

Die Maske der Betrunkenheit hab ich nun abgelegt!
Ich bin allein — und tue, was ich wollte.
Wer jemals über Albernes sich kindlich aufgeregt,
Der weiß nun endlich, daß ich stets ihm grollte.
Ich lächle nur und lächle immer wieder — wieder!
Mir hängt die Luft voll kreischend-toller Jubellieder!

(Katerpoesie)

 

 

Fahnenlied der Neoanarchisten

So geht mir doch!
Was schert mich das?
Ich bin nicht für die Eine.
Ich schwing' nur Fahnen, die ich mag,
Ich schwinge doch auch Deine.

Ja, geht mir nur!
Wie rührt mich das!
Ich bin nun mal für Alle!
Ich trage jede Erdenplag -
Ich habe keine Galle.

So geht mir doch!
Was schert mich das?
Ich darf mich nicht verrennen
Und werd', so lang ich lachen mag,
Euch Farbe nie bekennen.

Ja, geht mir nur!
Wie rührt mich das!
Ich schwärme für die Weiten
Und kämpfe nur beim Zechgelag' -
Ich mag nicht nüchtern streiten.

So geht mir doch!
Ihr rührt mich nie!
Ich liebe die Gescheidten.
Es kommt ja doch der helle Tag -
Es kommen andere Zeiten!

(1897)

 

 

Fliegenlied

Fliege, fliege, kleine Fliege!
Fliege, fliege in die Wiege!
Siege! Siege!

(Katerpoesie)

 

 

Frage

Meine ganze Welt ist kantig,
Und die Bäume sind verrückt.
Sage, Wilhelm, sage, Sauhirt,
Warum gehst du so gebückt?

(Katerpoesie)

 

Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,
Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.

(Katerpoesie)

 

 

Gesang der Wale

Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren,
Wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel -
Und wollen uns Garnichts weiter erklären,
Wir bleiben beim großen Ahnungsspiel.
Und tun wir auch vielen Skorpionen leid,
Wir sind doch die Weisen - im Narrenkleid.

Wo du auch hinüberfliehst,
Niemals kommst Du an das letzte Ziel!
Preise jede Welt und auch die Sterne.
Alles, was du hier so siehst,
Ist ja nur ein feines Lichterspiel,
Eine große Wunderweltlaterne.

(1902)

 

 

Glaubt mir!

Glaubt mir! Den Hund ich töte,
Der mir die schöne Kröte
Zu rauben wagen sollte.

Der Ampeln dunkle Röthe
Durchglühet meine Kröte,
Als wenn sie brennen wollte.

Weh' dem, der mir verböte,
Die wunderbare Kröte
Zu speisen und zu preisen!

O Kröte! Schöne Kröte!

(1897)

 

 

Grausamkeit

Der König saß auf seinem Thron
Und sagte: „Lieber guter Sohn,
Hast du das Gift genossen?
Genieß es schleunigst unverdrossen!“

(Katerpoesie)

 

 

Groglied

In meinen Adern brennt der stramme Grog;
Pompöser Kohl durchrast mein Eingeweide.
Die kalte Nase steckt im Weltgehirn;
Die heißen Hengste führ ich auf die Weide.
Jetzt, Erdenbürger: Leide! Leide! Leide!

(Katerpoesie)

 

 

Hafentraum

Ich hab in dieser ganzen Nacht
Still wie ein Stall geschlafen.
Ich hab in dieser ganzen Nacht
Geträumt von tausend Schafen.

(Katerpoesie)

 

 

Heiter sei mein Abendessen

Heiter sei mein Abendessen,
Wenn's zur Nacht auch traurig geht.
Und der Spott sei nie vergessen,
Wenn auch alles untergeht.

(1892)

 

 

Hobelphantasie

Mir klappern alle Zähne;
Der alte Brei der Welt ist dick.
Doch lange Wunderspäne
Umringeln all mein Mißgeschick.

(Katerpoesie)

 

 

Hohle Symbole

Auf einer alten Papyrusrolle
Kann man, wenn man ägyptisch kann,
Folgende schöne Geschichte lesen:

Ein alter Ramses zeigte seinem Volk
Mit großem Pompe seinen Sohn,
Den jungen Ramses, seinen Erben;
Ganz Theben war voll Seligkeit.
Der Alte sagte schmunzelnd zu dem Jungen.:
" Na? Ist das Fest nicht fein gelungenen?
Die Krieger stehn in Reih und Glied
Und salutieren mit den Spießen,
Das Volk liegt auf dem Bauch und schwitzt,
In allen Tempeln brennt Parfum."

Der Sohn ward so ernst wie ein alter Priester
Und sah den Vater lange an und sprach
Dann langsam, wie nun folgt:
"Das merkt ja wohl ein jedes Pferd,
Daß Herr und Volk mich fürchterlich verehrt.
Doch sieh nur all die dicken Pyramiden an;
Die liegen da, als wäre nichts los.
Respektlos nenn ich diese faule Ruhe!
Befiehl doch, daß die Pyramiden
Sich rechts und links vom alten Nil
Aufpflanzen in zwei langen, graden Reihen
Mit Riesenspießen auf den Spitzen."

Der alte Ramses zog sich still zurück
Und ließ die Pyramidenbauer kommen
Und klagte diesen seine liebe Not.
Da sprach ein jugendlicher Baurat dies:
"Mit Latten und Papyrus könnten wir
Herstellen solch ein mächtiges Spalier;
Wir haben ja Papyrus hier genug.
Der junge Ramses merkt kaum den Betrug.
Und wenn ers merkt, sagt man recht schlau
Das seien selbstverständlich nur Symbole."
Da war der alte Pharao so froh
Und rief vergnügt:
" Denn macht das so!"

Und nach acht Tagen fuhr
Des nachts mit seinem Sohn
Der alte Ramses in der Pharaonenbarke,
Den Nil hinunter bei Guitarrenklang,
Und rechts und links am Ufer lagen
Papyruspyramiden, fein durchleuchtet,
Mit blanken Spießen an den Spitzen.
"Es sind das selbstverständlich", sagte scheu
Der alte Herr, "ja nur Symbole, darum freu
Dich auch mal so, wie ich es gerne hätte."

Der Junge runzelte die Stirn
Und sagte schließlich sehr sehr bitter:
"Es sind Symbole - aber hohle!
Geh ab, Papa, mit deinen Symbolen!
Die mag nur gleich der Negerteufel holen.
Hohle Symbole konnten Dir wohl genügen;
Mich wird man mit solchen Späßen nicht betrügen.
Ich will das Aechte - das Wahre -
Die Pyramiden aus festem Stein."
Da schrie der alte Herr wie besessen:
"Hast Du den Respekt vor Deinem Papa vergessen?
Du übergeschnappter dammlicher Bengel!"

Weiter gehts nicht auf der Papyrusrolle,
Auf der diese schöne Geschichte zu lesen ist;
Mäuse haben den Schluß gefressen -
Die ganz echten Pyramidenmäuse.

(1906)

 

 

HOPP! HOPP! HOPP!

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst du hin?
Über jene hohe Mauer?
Ach, was kam dir in den Sinn?
Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst – Du – hin?

(Katerpoesie)

 

 

Ich bin ein Schwein!

Ich bin ein Schwein!
Oh nein! Oh nein!
Riskier nicht Kopf und Kragen,
Mein edler Schwartenmagen.

25.2.1901 an Richard Dehmel

 

 

Ich hab ein Auge...

Ich hab ein Auge, das ist blau
Mir gestern Abend geschlagen.

Ich schrie fünfhundertmal „Au! Au!“
Was wollt ich damit sagen?

Ich weiß es heute selber nicht;
Ich hab ein Heldenangesicht.

(Katerpoesie)

 

 

Indianerlied


Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

 

 

Ingrimm

Eine wilde Fratze
Muß ich schneiden,
Denn dies Leben
Macht mir keinen Spaß.
O, ich möchte nur
Ein altes Rabenaas
Mit verrückter Wollust
In zehntausend Stücke reißen,
Und dann möcht ich
Hübsche Mädchenköpfe
Balsamieren mit verfaultem Tran
Oder andrer ekler Flüssigkeit.
Und dann möcht ich
In den Himmel springen
Und die Sterne fressen
Und zuletzt:
Den ganzen Lebensunsinn
Ohne weiteres vergessen
Und als Ätherwolke
Traumlos weiterschweben.
Dieses, glaub ich, wird mir
Noch einmal gelingen.

(Katerpoesie)

 

 

Ja, unter Deinen weißen Rosen ...

Ja, unter Deinen weißen Rosen
Will ich heut Abend mit Dir kosen.
Horch auf meinen knatternden Peitschenknall!
Oh! Der donnert grausig durchs Weltenall!
Wirst ihn schon hören!
Ich will um Deine Liebe werben
Mit ganz besondrem Wüstenwitz.
Sieh! Die mich lieben, müssen sterben -
Und wen ich küsse, trifft der Blitz!

(1897)

 

 

Kikakok!ú

Ekoraláps! Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffroprópsa
pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke - própsa pî!
Jasóllu ... ... ...

(1897)

 

 

Kosmischer Trost

Der Mondball starrt den Erdball an.
Und auf der Haut der Erde spiegelt sich der Wille des Mondes.

Darum suchen wir nur Einen - immer nur Einen.
Und wir finden auch nicht mehr.
Ein wenig scheint es uns oft,
Auf dem Saturn lebt sichs wohl besser; der hat ja mehr Monde - hat ja neun.

Dort kann sich jeder freun mit Neun.
Ei, das muß ja köstlich wirken - immer sich zu freun - gleich mit neun.

Doch der große Mond der Erde zeigt eine stolze Weltgeberde und ruft uns zu:
"Ihr könnt Euch ebenso freun; ein Mond kann ja ebenso groß sein wie neun."

Das ist doch ein kosmischer Trost.
Ein Mond kam so groß sein wie neun.

(1904)

 

 

Lachst nicht mehr? Nanu?

Weiß nicht, aber ich glaube doch,
Daß die Welt ein faules Loch,
Drin die vielen großen Sterne
Nichts als Phosphorschimmer sind.

Lieblich tönt, ja das weiß ich schon,
Nur ein toller Weltenhohn.
Freundlich wären wir so gerne ...
Aber lacht denn noch ein Kind?

Wundersam, ja nun glaub' ich fast:
Uns zerklemmt die Weltlochlast.
Ach, die vielen großen Sterne
Sind verweht wie müder Wind.

(1897)

 

 

Leb' doch, wie's Dir gerade paßt!

Leb' doch, wie's Dir gerade paßt!
Machst dich dadurch nur verhaßt!
Hast Du Alles mal verpraßt,
Kannst Du wirklich nichts mehr erben -
Darfst du doch noch friedlich sterben:
Stirb nur! Selbst die Dichter sterben!

(1897)

 

Manches Gedicht

Manches Gedicht mit viel Genie
Ist nur Verhöhnung der Poesie

(???)

 

Maßlied

Liebe, Labe, Lobe mich!
Aber nicht so fürchterlich!
Sind mir viel zu viel...
Lebe, liebe dich nur aus -!
Doch mit Laben, Loben halte Haus!

(???)

 

Mein Herz gehört der Welt ...

Mein Herz gehört der Welt,
Kein Weib mir mehr gefällt.
Ich lieb nicht mal das Geld!
Ich liebe nur die Welt!
Kein Weib mir mehr gefällt.

(1897)

 

 

Meinem Bärchen zum 22.IV.1910

Mein liebes kleines Moddelmäuschen!
Soll ich Dir bauen ein Perlenhäuschen,
In dem die buntesten Lampen brennen?
Da wirst Du dich gar nicht mehr wiederkennen.
So wundervoll herrlich wird alles sein.
Freu dich darauf, mein Mudellein.
Du kriegst auch ein Perlenspind zum Naschen.
Und blauer Sammt liegt überall,
Auch grüner Sammt - sogar draußen im großen Hühnerstall.

Und ich, mein Mutsch,
Bin dein Stallmeister.

(1910)

 

 

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.
Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe —
Der Haß und auch die Liepe.

(Katerpoesie)

 

 

Monolog des verrückten Mastodons

Zépke! Zépke!
Mekkimápsi - muschibróps.
Okosôni! Mamimûne .......
Epakróllu róndima sêka, inti .... windi .... nakki; pakki salône hepperéppe - hepperéppe!!
Lakku - Zakku - Wakku - Quakku --- muschibróps.
Mamimûne - lesebesebîmbera - roxróx - roxróx!!!
----------------------------------------------
Quilliwaûke?
Lesebesebîmbera - surû - huhû

(1902)

 

 

Morgentöne

Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.

(Katerpoesie)

 

 

Nie verzagen, niemals klagen!

Nie verzagen, niemals klagen!
Sei mein stetes Fluchtpanier.
Hab ja längst gelernt entsagen;
Niemals ich den Mut verlier

(1892)

 

 

Notturno

Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht — nach — ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte — ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten . . .

(Katerpoesie)

 

 

Nun lach nicht mehr so schaurig!

Nun lach nicht mehr so schaurig!
Dein Leben macht mich traurig!
Und sprich zu mir ein Wort!
Das Schweigen tötet die Liebe.
Du aber sollst mich lieben -
Ach, hörst Du mich denn nicht?

(1897)

 

 

Putz! Putz!
Ein Kronenlied.

Putz mir meine Krone,
Denn ich will spazierengehn!
Sei mein Leibhurone!
Aller Welt zum Hohne
Gehn wir auf den kleinen Zehn.
Putz mir meine Krone!
Putz sie mir recht blank!
Kriegst auch eine Feder
Und ein Ei zum Dank -

(1897)

 

 

Rixráx, der Sonnenbruder

Rixráx, was willst du?
Ich stopfe den Mond
In meine Riesenkanone.
Rixráx, was willst du?
Ich schieße den Mond
Wie eine Riesensaubohne
Hinaus in die ewige Nacht;
Das hat noch keiner gemacht.
Rixráx was willst du?
Was? Du willst eine Sonnenkanone
Und eine Milchstraßenkrone?
Brüderchen, geh doch nach Haus!
Sei friedlich und schlaf dich aus!
Alter Sonnenbruder!

(Katerpoesie)

 

 

Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!

(Katerpoesie)

 

 

Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule
Und schau ins weite Meer.
Ich höre dein Geheule
Und wundre mich nicht mehr.
Ich steh auf meiner Säule
Mir wird mein Herz nicht schwer.

(Katerpoesie)

 

 

Schlussweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,
Auf Erden niemals Ruhe findet.

(Katerpoesie)

 

 

Sei sanft und höhnisch

Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

*

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

*

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

*

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

*

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

*

Ich hab die ganze Nacht gelacht —
Natürlich — nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht —
Natürlich — noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

*

Sei klein — dann ist die Welt so groß!
Sei schwach — dann ist die Welt so stark!
Sei dumm — dann ist die Welt so klug!
Sei stumm — dann ist die Welt so laut!
Sei arm — dann ist die Welt so reich!

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!
Mensch, sei frei!

*

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

*

Die Eitelkeit, die Eitelkeit —
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten —
Da steckt sie unter allen Häuten.

*

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

*

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst —
Gräßlich ist der ganze Dunst.

*

Doch die stillen Flaggenstöcke —
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

*

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde rein.
Wir aber gingen immer schief —
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

*

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

*

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

*

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus —
Natürlich — nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

*

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

*

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf — sie ist gesund —
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

*

Rosenstielchen, Blätterkuß!
Meine Welt ist voll Verdruß!

*

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

*

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

*

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

*

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

*

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!
Schluß!!

(Katerpoesie)

 

 

Singende Schlangen

Ich war schon wo,
Da ging es wüste zu;
Ich hatte weder Hemd noch Schuh,
Nur grüne Schlangen
In beiden Händen.
Ich konnte mich nicht drehen
Und nicht wenden.
Doch viele Beutelsterne
Drehten sich um meine Arme
Und sahen aus
Wie schlaffe Luftballons.
Die Schlangen aber sangen.

(Katerpoesie)

 

 

Stammbuchvers


Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
mein Herz ist über und über voll.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
mein Herz ist über und über voll.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.

 

 

Tiefernst!

Mir ist, als ob der Friede
Sich in meine Seele legt -
So wundersam bewegt!
Der Pappel Wipfel flüstern.

Wir sitzen still und schweigen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Wir wollen noch einmal trinken -
Und dann - betrunken sein!

(1897)

 

 

Vernünftige Devise

Trinke, wenn du trinken willst,
Nie mit deinen Kameraden —
Sonst wird dir der schönste Suff
Leider überall nur schaden.

(Katerpoesie)

 

 

Wanderlied

Wie weit der Weg!
Im tiefen Tale glänzt
Der Tau der letzten Sommernacht.
Wie weit der Weg!
Im hohen Weltall glüht
Der großen Sonnen Glück so heiß.
Wie weit der Weg!
In tollen Köpfen kreist
Die Schöpferkraft des ganzen Alls.
O still! Zum Ziel!
Es wird zu viel!

(Katerpoesie)

 

 

 

Was ich gestern war

Was ich gestern war,
Bin ich heute nicht.
Jeder neue Morgen
Zeigt ein neu Gesicht.

(1897)

 

 

Was nie ein Mensch gesehn!
Romantischer Symbolistengesang.

Da tönten von allen Bergen
So seltsam und wunderschön
Die Lieder von tausend Zwergen,
Die nie ein Mensch gesehn.

Es klang wie ein alter Reigen
Wohl über Feld und Thal.
Dann aber begann ein Schweigen,
Das erfüllte das ganze All.

Wir standen und sahen träumend
Die Berge und Zwerge an.
Das Bächlein aber lief schäumend
Plötzlich zum Himmel hinan.

(1897)

 

 

Weit! Weit!
Ein Liebeslied!

Ich möchte Dir streicheln die Hände,
Doch Du bist ja nicht hier.
Ich möchte Dir küssen die Hände,
Warum bist Du nicht hier?
Ich möchte mit Dir plaudern
Von alter, alter Zeit -
Ich bin so einsam geworden,
Und Du bist weit - weit!

(1897)

 

 

Weltprotz

Alles sah ich.
Alles weiß ich.
Alles kann ich.
Was also soll ich?
Sag, was Du willst!
Ich sage stets:
"Ich mag nicht!"

(1902)

 

 

Wenn Du mich nicht mehr lieben willst ...

Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So geh ich zum Kuppelweibe!
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So will ich Dich vergessen -
In wilder toller Brunst -
Bei Wein und Saitenkunst -
Da lieb ich, was ich finde -
Verschwinde nur! Verschwinde -
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst.

(1897)

 

 

Wir mußten neulich so furchtbar lachen ...

Wir mußten neulich so furchtbar lachen:
Ein Alter sprach so voll Herzeleid;
Er wollte die herrlichsten Verse machen
Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit.
Nun aber gelang nicht das kleinste Gedicht,
Und dazu schnitt er noch ein Gesicht,
Als wenn die Unendlichkeit böse wär.
Ach Alter, wo kommst Du eigentlich her?
Mach Dir doch nicht das Leben so schwer.
Was macht du blos für Sachen?.
Man muß ja so furchtbar lachen.

(1902)

 

 

Wir, die wahren großen Menschen!

Weißt Du, wie es kommt,
Daß Menschen zu viel trinken?
Daß sie dabei oft versinken?
Weißt du wie es kommt?
Hör's! Ich weiß es ganz genau:
Wir, wie wahren großen Menschen,
Sind vom Stamm der große Löwen,
Die da immer einsam leben
Und sich ledern in Gesellschaft -
Wir, die wahren großen Menschen,
Sehn uns aber viel zu häufig!
Müssen drum gewaltig trinken!
Könnten uns sonst nie ertragen!

(1897)

 

 

Wohl dem, der frei ...

Wohl dem, der frei von Weib und Kindern
Sein Leben froh vertrinken kann -
Der muß der Menschheit Leiden lindern -
Der ist ein guter freier Mann -
Der lebt im Sturm und Sonnenschein
Gemüthlich in den Tag hinein -
Der hat verjubelt alle Pein
Und darf auf Erden selig sein.

(1897)

 

 

...aber glaube nich

... aber glaube nicht, ich sei
Nichts als Frosch und vogelfrei.
Hörs und wundre dich nicht wenig:
Ich bin ein verwunschener König.
Ach, ich habe Moritaten
Auf dem Herzen und gebraten
Hab ich manchen Untertan.
Dieses war nicht wohlgetan...

(Katerpoesie)

 

 

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Letzte Aktualisierung 05.05.09
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